1. Welche erlernten Kompetenzen aus deinem Studium haben dir in diesem Beruf am meisten weitergeholfen?

Ich habe mit „Verwaltungsinformatik“ einen passenden Studiengang für meinen Job gewählt, da vieles, was ich im Studium gelernt habe, in meiner Berufspraxis Anwendung findet.

Insbesondere konnte ich durch die die Module „E-Government“ und „Fachverfahren in der öffentlichen Verwaltung“ in meinem Studium wichtiges Know-How aufbauen, das ich heute in der Beratung anwenden kann. Das meiste habe ich aber im Praxissemester bei der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung gelernt, da ich in der Praxis angeeignetes Wissen immer besser verinnerlichen konnte, als nur theoretisch Vermitteltes.

Es ist im Allgemeinen empfehlenswert, einen Studiengang mit Bezug zur Betriebswirtschaft oder Verwaltungswissenschaft in Verbindung mit Informatik zu wählen. Wie auch in der Wirtschaft gibt es in der Öffentlichen Verwaltung heutzutage kam noch Arbeitsbereiche, die ohne IT aus- kommen; viele Themen sind ohne IT gar nicht denkbar. Die IT ist dabei kein Selbstzweck, sondern Grundlage für moderne, effiziente Prozesse und Arbeitsabläufe. Das generelle Grundver- ständnis über IT-Systeme und die Bereitschaft sich mit diesen auseinanderzusetzen ist jedoch auch für Einsteiger aus anderen Studiengängen von enormem Vorteil.

 

2. Welche Skills sind die Wichtigsten für deinen heutigen Job?

In erster Linie bin ich als Berater – egal, ob in der Verwaltung oder in der Wirtschaft – auf eine gute zwischenmenschliche Kommunikation angewiesen. Die Kunst, Menschen dazu zu bringen, sich auf ein gemeinsames Ziel oder ein gemeinsames Verständnis von erwünschten Funktionalitäten zu einigen bevor man z.B. die Software entwickeln oder das Rechenzentrum einrichten lässt, ist am Ende des Tages immer noch die größte Herausforderung für einen Berater.

Natürlich muss man auch fachlich fit sein, um den Kunden in einem sich rasant entwickelnden Beratungsfeld wertvolle Impulse geben zu können. Insbesondere spezielles IT-Wissen (z.B. zum ITILv3-Framework), aber auch Kenntnisse im Kontext der Verwaltungswissenschaften (z.B. Ver- waltungsverfahrensrecht, Haushaltsrecht, Gesetzgebungsverfahren, usw.) sind hilfreich, um eGovernment-Projekte im Public Sector erfolgreich durchführen zu können.

 

3. Was war bisher Dein spannendstes Projekt?

Die Einführung und Etablierung von Prozessmanagement in einem Bundesministerium. Das war spannend, weil ich so einen großen Mandanten (über 12.000 Mitarbeiter) bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht beraten hatte und weil ich im Laufe des Projektes viel Neues gelernt habe.

 

4. Die Kunden im öffentlichen Bereich unterscheiden sich durch Vertreter wie Ministerien, Behörden und Ämtern auf den ersten Blick von privatwirtschaftlichen Kunden. Wie gestaltet sich der Projektalltag im öffentlichen Sektor im Vergleich zu der Beratung privatwirtschaftlicher Unternehmen? Warum hast du dich genau dafür entschieden?

Im Vergleich zur Privatwirtschaft gibt z.T. erhebliche Unterschiede, insbesondere im ‚kulturellen‘ Bereich. In Behörden gibt es z.B. einfach andere Entscheidungswege, die durch die Beteiligung von Politik und u.U. Bürgern durchaus komplexer als in der Wirtschaft sind und durchaus deutlich länger dauern können. Wie in jedem anderen ‚Soziotop‘ muss man auch lernen, mit den spezifischen Fachbegriffen der Öffentlichen Hand umzugehen. Es kann zu großen Missverständnissen kommen, wenn man z.B. den Unterschied zwischen einer Kenntnisnahme, einer Billigung, einer Genehmigung und einem Erlass nicht kennt.

Ich habe ganz bewusst „Verwaltungsinformatik“ studiert, da ich mithelfen will, den Public Sec- tor zu modernisieren. Somit bin ich in einem spannenden Arbeitsumfeld von Verwaltungsmitarbeitern sowie Bürgern tätig.

 

5. Vor welcher größten Herausforderung steht der öffentliche Sektor momentan deiner Meinung nach?

Die größten Herausforderungen sehe ich zum einen in der Digitalisierung und zum anderen in drohenden Wissensverlusten aufgrund des demografischen Wandels. Jedes Mal, wenn ein Verwaltungsmitarbeiter sein Dienstzeitende erreicht hat, geht viel Wissen verloren. Vielfach erfolgt keine geordnete Stellenübergabe an den Stellennachfolger. Häufig gibt es zwischen dem Ausscheiden eines Mitarbeiters und der Wiederbesetzung der Stelle eine zeitliche Lücke. In den meisten Situationen bleibt es dem Stellennachfolger dann überlassen, wie er sich das notwendige Wissen zur Vorgangsbearbeitung aneignet. Vor allem der demografische Wandel (der Altersdurchschnitt im öffentlichen Dienst beträgt 44,5 Jahre und der Durchschnitt aller Erwerbstätigen in Deutschland liegt ca. 2 Jahre über dem gesamteuropäischen Durchschnitt1) bedingt ein sofortiges Handeln. Mit Hilfe von Prozess- & Wissensmanagement kann man aber genau diese Schwachstelle beseitigen.

 

6. Was ist Dein persönlicher Rat für Studierende, die im Bereich Prozessmanagement tätig sein wollen?

Zunächst ist es wichtig, sich die Grundkenntnisse anzueignen. Hierzu gehört einerseits der Umgang mit Prozess-Notationen wie BPMN 2.0 und DMN 1.0 und Prozessmodellierungstools verschiedener Hersteller. Andererseits können erste Erfahrungen bei der Durchführung Prozessanalysen auf Basis von Prozessmodellen hilfreich sein. Alles Weitere kommt dann im Zuge der praktischen Arbeit. Vor allem muss man überzeugend beim Kunden auftreten können, aber auch das entwickelt sich mit der Erfahrung.